Gegen das Vergessen: Musikalische Zeitreise mit Herz & Klang

Artikel für eine Angehörigen und Bewohnerzeitschrift einer Senioreneinrichtung über den Konzertauftritt von „Klang und Leben“, einem Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, ehrenamtlich für an Demenz erkrankte Menschen zu singen.

Die mit * gekennzeichneten Namen wurden verändert.

Gegen das Vergessen: Auf musikalische Zeitreise mit „Klang und Leben“

Das Herz wird nicht dement und unsere Ohren freuen sich über Lieder aus der Kindheit und Jugend

„Demenz kann uns mal.“ Ein starker Satz, der von Graziano Zampolin stammt. Er ist Krankenpfleger und Lehrer für Medizinalfachberufe und hatte 2013 zusammen mit Rainer Schumann die charmante Idee, in Seniorenheime zu gehen und mit den Bewohnern zu musizieren. Sie haben den Sänger Oliver Perau (Juliano Rossi, Terry Hoax, Grand Hill) gefragt, ob er nicht mitmachen wolle. Und er wollte. Das wunderbare Projekt „Klang und Leben“ war geboren.

Hurra – wir haben einen Konzertauftritt gewonnen

Die Mitglieder des Vereins haben es sich zur Aufgabe gemacht, ehrenamtlich für demenzkranke Menschen zu singen, um Erinnerungen wieder hervorzurufen. Seitdem besucht das Team von Klang und Leben, 50-mal im Jahr, regelmäßig Senioreneinrichtungen. Über 300 Veranstaltungen haben sie zwischenzeitlich organisiert. Die Warteliste ist dementsprechend lang und man muss sich als Einrichtung um einen Auftritt bewerben. Und das haben wir getan! Nach monatelangem Hoffen und Bangen, war die Freude groß, denn: Wir haben die heißersehnte Zusage erhalten.

Am 27.05.2019, Aufbruch zur musikalischen Zeitreise

Schnell war klar – unser Restaurant und unsere Bühne werden vom Platz her nicht ausreichen. Kurzerhand hat das Team um unsere Direktorin, Frau Ariane von Potzblitz Heidesang*, die Halle in eine barrierefreie Konzertbühne verwandelt.

Die Aufregung und Vorfreude waren groß. In Windeseile hatte es sich herumgesprochen, dass Oliver Perau in die Heinrich-Gustavsson-Stiftung* kommt. Oliver ist in einem Stadtteil von Hannover aufgewachsen und lebt immer noch ganz in der Nähe. Einige unserer Bewohner kennen seine Eltern und den „Olli“ noch als kleinen Burschen, wie unsere Bewohnerin Erna Allerweltsname* mit einem Augenzwinkern verrät.

Hannovers geheimer Kulturmittelpunkt

Schon weit vor 15 Uhr, dem eigentlichen Konzertbeginn, zeichnete sich ab, dass es voll werden würde. Viele fleißige Hände stellten immer wieder Stühle nach und arrangierten und positionierten unsere Rolli-Fahrenden so, dass jeder ganz nah an „seinem“ Olli sein konnte. Einige unserer Apartmentbewohner und deren Angehörige nutzten die Galerie im ersten Stock, um ebenfalls in Genuss dieses besonderen Konzertes zu kommen. Die Heinrich-Gustavsson-Stiftung*, inoffizieller Konzert-, Kunst- und Kulturtreff von Hannover, hatte mal wieder den Geschmack ihrer Bewohner und Angehörigen vollends getroffen.

Schmachtende Blicke und leuchtende Augen

Was die Musiker Oliver Perau (Juliano Rossi und Terry Hoax), Peter Jordan (Running Wild), Karsten Kniep (Terry Hoax), Jens Eckhoff (Wir sind Helden), Andreas Meyer und Initiator Graziano Zampolin auf die Beine stellen, ist in Deutschland einzigartig. Sie verbreiten mit ihrer Musik, ihrer Spontanität und Warmherzigkeit so viel Lebensfreude, dass man einfach mitgerissen wird. Wer ein Klang-und-Leben-Konzert einmal erlebt hat, wird nicht so schnell vergessen, wie einige Bewohner regelrecht aufgeblüht sind.

Oliver Prinz-Charming-Perau hat zwischendurch mit unseren Bewohnerinnen geflirtet, zum Tänzchen aufgefordert und auch mal einen Schwank aus seiner wilden Jugendzeit zum Besten gegeben. Die Stimmung nahm an Fahrt auf. Es wurde geschwoft und geklatscht.

Blühender Flieder und tanzende Direktorin

Die Refrains der Schlager, aus den 30ern, 40ern und 50ern, wurden von den meisten unserer Bewohner laut mitgesungen. Einige haben sogar das Tanzbein geschwungen und Pflegedienstleitungen wir Betreuungskräfte ganz schön ins Schwitzen gebracht. Und mittendrin eine hochvergnügte Band, die mindestens genau so viel Spaß, wie alle anderen hatte.

Denn die Lieder aus der Vergangenheit erfüllen einen Auftrag: Sie helfen demenzkranken Menschen, ihre Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen, und sie geben ihnen ein Stück Lebensfreude zurück. Es sind Lieder aus der Vergangenheit. „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ ist so eine Melodie. Oder „Lili Marleen“. Aber auch Peter Alexanders Ohrwurm „Die Kleine Kneipe“. Diese und viele andere alte Schlager haben wir auf dem Konzertnachmittag gehört.

Ehe wir uns versahen war der Nachmittag wie im Fluge vergangen. Hochzufriedene, glücklich vor sich hinlächelnde, summende oder pfeifende Bewohner lockte der frische Kaffeegeruch auf die Wohnbereiche zurück. Der perfekte Moment, den die vielen fleißigen Hände der Mitarbeitenden nutzten, um die Stühle zu entfernen und die barrierefreie Bühne in unsere beliebte große Halle zurück zu verwandeln.

Mit musikalischen Grüßen Ihre Direktorin